Unsere Fähre von Picton nach Wellington geht am 18. Februar, einen Tag später als ursprünglich geplant. Wegen eines Sturms war das Seegebiet vor Neuseelands Hauptstadt, die den beinahmen Windy City trägt, für zwei Tage unpassierbar und viele Fahrgäste mussten umgebucht werden. Als wir übersetzen, hat sich die See vollständig beruhigt. Tatsächlich ist das Wasser so flach, das René für einmal von der Seekrankheit verschont bleibt. Ein guter Auftakt in die letzte Etappe!
Blick in den Hafen von Wellington | Erklärtafel zur Windsituation in der Stadt | Wellingtons Gassen bei Regenwetter
te papa tongarewa
Ich möchte mich noch einmal mit Kultur und Geschichte des Landes beschäftigen und so schleppe ich René ins Nationalmuseum Te Papa Tongarewa, wo wir einen ganzen Tag verbringen. Einen ganzen Tag! René wird mir das bei Gelegenheit vorhalten. In dem grosszügig angelegten Museum gibt es einen bunten Blumenstrauss aus Ausstellungen von Naturgeschichte über Migrationsgeschichte bis hin zu zeitgenössischer neuseeländischer Kunst.
Eingang des Nationalmuseums | Modell eines Waka-Schiffes | Fotoausstellung im Nationalmuseum
Als Gegenstück zur Ausstellung in Auckland und dem dortigen Vulkansimulator kann man sich hier einer Erdbebensimulation aussetzen und die Entstehung von Tsunamis nachvollziehen. Als zentralen Versammlungsort hat das Museum ein Marae eingerichtet. Auf unserer Reise durch die Südsee haben wir wiederholt solche polynesischen Gemeinschaftsplätze oder deren archäologischen Überreste besucht. Das Marae im Te Papa Museum ist eine Neuinterpretation und eine Einladung an Menschen aller Kulturen, sich hier zu treffen.
Marae mit Versammlungshaus im Te Papa Museum
Gegen Ende des Museumstages verlaufen wir uns noch in eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg. In der Schlacht von Gallipoli waren Soldaten aus Ozeanien im Einsatz, beteiligt am gescheiterten Versuch, Konstantinopel (Istanbul) zu erobern. Die Besuchenden werden in dunkle Schützengräben hineingeführt, wo sie den Missionen von acht realen Personen durch die Schlacht folgen. Auf Grundlage von alten Fotos wurden die Personen als übergrosse Figuren nachgebildet. Sie haben eine eindrückliche, beklemmende Präsenz, ebenso wie ihre schrecklichen Schicksale. Der letzte Ausstellungsraum ist eine dunkle Kammer. Hier steht ein einsames Waschbecken. Die Besuchenden waschen sich die Tränen aus dem Gesicht.
Überlebensgrosse Figur in der Gallipoli-Ausstellung (Foto von der Website des Museums)
Weta workshops
Einen Tag später erfahren wir, wo die eindrücklichen Figuren für die Gallipoli-Ausstellung geschaffen worden sind. Mit dem Bus fahren wir ans Ostende der Stadt zu den Weta Workshops. Das Unternehmen für Spezialeffekte hat bei unzähligen Filmen mitgewirkt: Avatar, Dune, King Kong, die Chroniken von Narnia, Last Samurai, Black Panther oder die Fernsehserie Xena gehören dazu.
Figuren von Gollum, einem Uruk-hai und einem Troll bei den Weta Workshops in Wellington
Eine grosse Rolle spielten die Weta Workshops bei der Produktion der Herr der Ringe- und Hobbit-Filme, die in Neuseeland gedreht wurden. Die verschiedenen Kreaturen Mittelerdes, die Orks, Uruk-hais und natürlich Gollum erhielten hier ihr Aussehen. Wir machen bei einer Führung mit und lernen etwas darüber, wie Masken hergestellt und Kostüme überzeugend inszeniert werden. Die Einstimmung in Tolkiens Werk passt gut, denn unser nächstes Reiseziel ist Mordor.
Nordwärts zum Tongariro National Park
Wellington und Auckland sind über eine Zugstrecke miteinander verbunden. Der Zug fährt abwechselnd, an einem Tag nach Süden, am anderen nach Norden, die gesamte Fahrt dauert zwölf Stunden. Das zeigt schon, dass die Eisenbahn nicht das Verkehrsmittel Nummer eins ist, wenn Neuseeländer:innen von A nach W kommen wollen. Die meisten fliegen vermutlich, ausserdem sind die Kiwis leidenschaftliche Autofahrer:innen.
Haus in Waimarino | Mount Ngauruhoe am Ende der verlassenen Strasse
Wir probieren es mit dem Northern Explorer Train und fahren einen halbtägigen Teilabschnitt bis zum Tongariro National Park. Das Dorf, in dem wir aussteigen, Waimarino, besteht aus einer Handvoll Häuser und menschenleeren Strassen. Blickt man an einem klaren Tag Richtung Horizont, sieht man ihn, den Schicksalsberg, welchen Frodo und Sam erklimmen mussten, um den Ring zu vernichten. In echt heisst der Berg Mount Ngauruhoe, ist Teil des Tongariro Massivs und ein aktiver Vulkan, der zuletzt 1975 ausbrach.
Am Schicksalsberg
Nun wird sich zeigen, ob unser Wandertraining auf der Südinsel genützt hat. Am Tag nach unserer Ankunft in Waimarino, stehen wir sehr früh auf, nehmen den Shuttle Bus um 05:30 Uhr zum Fusse des Vulkans und machen uns an das zwanzig Kilometer lange Tongariro Alpine Crossing.
Wandern in der Morgendämmerung | karge Landschaft am Tongariro Pass | Mount Ngauruhoe (Schicksalsberg)
Die erste halbe Stunde wandern wir im Dunkeln und fast allein durch ebenes Gelände, dann verfärbt sich der Himmel langsam rosa und wir erahnen allmählich etwas von der kargen Landschaft. Nach einer Pause bei einem Wasserfall wird das Gelände steiler. Mehr und mehr Wanderer tauchen auf und wir laufen im Gänsemarsch eine Treppe zu einem ersten Krater hinauf. Eine beeindruckend unwirtliche Landschaft liegt vor uns: weit, braun, vegetationslos, im Hintergrund der Mount Ngauruhoe mit seinem rot verbrannten Kraterrand. Hier wurden die Mordor Szenen für Herr der Ringe gedreht.
Kollektive Schlitterpartie den Hang hinunter | Emerald Lakes
In einem weiteren Aufstieg erreichen wir den 1’886 Meter hohen Pass, von wo aus man weitere Krater sehen kann, dann geht es eine rutschige Geröllhalde hinunter zu leuchtend grünen und blauen Seen. Die Geröllhalde fühlt sich ein bisschen an, wie ein steiler Skihang an einem sonnigen Wochenende. Unzählige Leute schlittern mit unterschiedlichem Tempo und Geschick talwärts, unterhaltsam und nicht ganz ungefährlich.
Fit unter Vielen
Wir picknicken bei den Seen und laufen dann weiter, einen endlos gewundenen Pfad hinab bis in den Wald, mal für uns mal im Gleichschritt mit dutzenden von anderen Nationalpark Besucher:innen. Die letzten drei Kilometer ziehen sich, weil wir müde werden. Schliesslich gelangen wir auf einen Parkplatz, wo sich alle erschöpften Wanderer gegenseitig beglückwünschen und auf ihre Busse warten.
Blick auf einen Emerald Lake | Blue Lake
Ich bin stolz, dass wir das Tongariro Crossing problemlos geschafft haben, denn es war das eigentliche Ziel unseres Wandertrainings. Die Wanderung wird jährlich von rund 100'000 Menschen absolviert, es ist wie im Alpstein. Da der Pass bei schlechtem Wetter gesperrt wird, die Kiwis passen immer gut auf alle inländischen und ausländischen Schäfchen auf, sind die schönen Tage besonders gefragt. Wir haben einen ausgesprochen sonnigen Tag mit stahlblauem Himmel und entsprechend vielen Wanderlustigen und einer grossartigen Sicht auf das Bergpanorama erwischt.
Red Crater | Abstieg über die Ebene mit dem Mount Ngauruhoe und dem Red Crater im Hintergrund
im Schwefeldunst
Vom National Park Village aus reisen wir weiter nach Rotorua. Da wir ohne eigenes Auto unterwegs sind, ist das ein wenig umständlich. Nach diversen E-Mail-Anfragen und Weiterverweisen finden wir aber einen Shuttleservice der uns in den nächsten grösseren Ort fährt, von wo aus wir einen InterCity Bus erwischen.
Was uns als erstes auffällt: Rotorua müffelt. Über der Stadt hängt ein penetranter Geruch nach faulen Eiern. Wie der Tongariro National Park liegt auch die Gegend von Rotorua auf einem aktiven vulkanischen Plateau. Mitten in der Stadt liegt ein Park mit dampfenden Teichen, die die Stadtluft verpesten.
Informationszentrum in Rotorua | René an der Kletterwand | dampfender Teich im Stadtpark von Rotorua
Wir bleiben für fünf Tage in Rotorua und steigen im Rock Solid Backpackers ab, einer Jugendherberge mit integrierter Kletterhalle. Jetzt, wo René sein Tauchequipment verkauft hat, kann er hier zu seinem anderen Hobby zurückfinden. Nach dem vielen herumreisen, ist es schön, an einem Ort ein paar Tage am Stück zu verbringen. Nachts wache ich allerdings manchmal auf, weil ein Schwall besonders intensiver Schwefelduft durch Rotorua’s Gassen zieht.
Wai-o-Tapu Vulkanpark
Weil uns die Vulkanlandschaften so faszinieren, buchen wir einen Ausflug ins Geothermalgebiet Wai-O-Tapu. Auf der Hinfahrt besuchen wir einen Schlammteich, der geräuschvoll blubbert und Blasen wird. Unweit davon liegt der Lady Knox Geysir, der mithilfe von Seifenpulver einmal täglich vor Publikum zum Ausbruch gebracht wird. Die Fontäne wird bis zu zwanzig Meter hoch.
Mud Pool | Lady Knox Geysir | Gelber See | Champagne Pool | Devil's Bath
Auf einem Spazierweg mit Stegen können wir den Waio-O-Tapu Park mit seinen heissen und kalten Tümpeln erkunden, die aufgrund unterschiedlicher mineralischer Bestandteile in verschiedenen Farben leuchten: gelb, braun, olivgrün. Der 74°C heisse Champange Pool hat einen orangefarbenen Rand und ist in der Mitte türkisblau. Seinen Namen verdankt er den Gasbläschen, die kontinuierlich aus der Tiefe steigen, an die Oberfläche perlen und dort Kohlendioxid freisetzen. Das Devil’s Bath erhält eine auffallend giftgrüne Farbe durch die Kombination von Schwefelwasserstoff und Eisensalzen im Wasser.
Im Auenland
Wer von euch hat den Titel dieses Blogbeitrags als Tolkienzitat erkannt? «Hin und wieder zurück. Die Geschichte eines Hobbits» So hiess das Buch, das Bilbo Beutlin über seine Abenteuer mit den Zwergen und dem Drachen Smaug verfasst hatte. Frodo ergänzte das Werk später mit seinen Erlebnissen. Das idyllische Auenland, in dem die beiden Hobbits zur Schreibfeder griffen, liegt nur eine Busfahrt entfernt von Rotorua.
Blick über das Auenland | Illy vor einer Hobbithöhle | René in dem zu kleinen Eingang | Bäckerauslage | Werkstatt eines Wagners | aufgehängte Wäsche
Die Filmkulisse, die Regisseur Peter Jackson mit grossem Aufwand auf einer Schaffarm einrichten liess, ist eine beliebte Touristenattraktion. Wir nehmen an einer Tour durchs hügelige Auenland teil und sind beeindruckt von der Detailverliebtheit, mit der die Hobbithöhlen, Gärten, Brücken und das Schankhaus gestaltet wurden. Eine Höhle dürfen wir auf ihre Wohnlichkeit prüfen. Das Bett ist etwas kurz, aber das Kaminfeuer sehr gemütlich und die Vorratskammer gut gefüllt. Ja, hier liesse es sich leben.
René im zu kleinen Hobbitbett | gemütliches Kaminfeuer | Vorratskammer | Küche | Illy greift zur Feder
Bei den elben
Nun waren wir in Mordor und im Auenland. Zu guter Letzt besuchen wir noch einen Ort, der mich an Galadriels Elbenwald Lothlorien erinnert. Am Stadtrand von Rotorua wurden vor gut hundert Jahren kalifornische Redwood Bäume gepflanzt, von denen einige inzwischen über siebzig Meter hoch sind. 2015 wurde hier ein Baumpfad eingerichtet, mit Hängebrücken und Plattformen, die auf sieben bis fünfundzwanzig Meter Höhe durch die Bäume führen. Wir begehen den Baumpfad bei Nacht und bewundern die bunten Lichtinstallationen, die verschiedene Künstler:innen in den Wipfeln platziert haben.
Aufstieg in den Baumpfad | Redwood Forest bei Nacht | Holzlaternen in den Bäumen
Glühwürmchenhöhlen
Für den Rückweg nach Auckland planen wir noch einen Zwischenstopp in Waitomo ein, wo einige der zahlreichen Glühwürmchenhöhlen liegen, die überall im Land zu finden sind. Die Höhlen sind in Privatbesitz. Die Eigentümer:innen bieten geführte Touren durch die Tropfsteinhöhlen an. Unsere Tour ist leider kurz, weil wir an dem Tag noch eine lange Reise vor uns haben. Sie ist aber gerade lange genug, um festzustellen, dass es noch vieles zu entdecken gäbe.
Höhlenraum mit Tropfsteinen | Glühwürmchen an der Höhlendecke über dem See (beide Fotos ab Postkarten von den Waitomo Glowworm Caves abfotografiert)
Nach dem wir zwei ausgeleuchtete Höhlenräume durchschritten haben, führt uns der Guide eine Stufe hinab zu einem in völliger Dunkelheit gelegenen See. Wir tasten uns an einem Geländer entlang und besteigen ein Boot. Nun werden wir aufgefordert möglichst still zu sein. Unser Tourenführer zieht das Boot an einem Seil geräuschlos durch einen Höhlenraum. Das Wasser, das von den Tropfsteinen in den See fällt, ergibt eine idyllische Tonkulisse, plitsch, platsch, und über uns an der Decke schimmern plötzlich hunderte winzigkleine, grünliche Lichtpunkte, die Glühwürmchen.
ALOY und die tiny fleet
Nach einer Nacht in Auckland kehren wir zum Boot zurück, wo wir noch eine knappe Woche verbringen. Niklas ist inzwischen auch hier auf der Werft und versucht SOVMORGON für die anspruchsvolle Weiterreise in den Indischen Ozean vorzubereiten. Wir klären einige Fragen mit unserem Makler, der sich um den Verkauf von ALOY kümmern soll, sobald wir weg sind. Ein Interessent, der sie kürzlich besichtig hat, hat sich in einen alten Langkieler schockverliebt, so dass ALOY aktuell noch zu haben ist.
ALOY in Norsand Boatyard | Petunia, Mads, Niklas, Ester (auf dem Handy), Illy und René beim Abendessen in Beachlands
Am 10. März fahren wir zusammen mit Niklas nach Beachlands, einem Küstenvorort von Auckland. Dort treffen wir noch einmal Petunia und Mads, die inzwischen beide wieder im Land sind und Jobs gefunden haben. Während wir nach Hause zurückkehren und SOVMORGON die Segelreise um die Welt fortsetzt, will sich die APNEA Crew vorerst in Neuseeland niederlassen. Unseren letzten Abend in Neuseeland verbringen wir in der alt vertrauten Tiny Fleet Runde. Die in Finnland arbeitende Ester holen wir per Telefon dazu.
Hin und wieder Zurück
Am nächsten Morgen fährt uns Niklas an den Flughafen, wo wir, beladen mit drei Taschen und zwei Rucksäcken, die Heimreise antreten. Das Flugzeug von Singapur Airlines hebt pünktlich ab, wir betrachten Auckland und den Hauraki Gulf aus der Luft, bis sie unter einer langen weissen Wolke verschwinden.
Aussicht aus dem Flugzeug auf den Hauraki Gulf vor Auckland
In zwei Jahren und drei Monaten sind wir 16'800 Seemeilen nach Neuseeland gesegelt, haben teilweise wochenlang auf See ausgeharrt und unglaublich viele Erlebnisse und Erinnerungen mitgenommen. Nun fliegen wir in nur achtundzwanzig Stunden zurück in die Schweiz, ganz ohne Seekrankheit, dafür mit einem Jetlag als Folge.
Damit, ihr Lieben, endet dieses Abenteuer. Wir hoffen, ihr hattet viel Spass beim Lesen des Blogs und ein bisschen frische Seeluft, die euch in der Nase gekitzelt hat. Vielen Dank fürs Mitfiebern, eure lieben Kommentare und privaten Nachrichten. Wir lassen die Website noch für eine Weile online, neue Beiträge wird es aber keine mehr geben. Stattdessen freuen wir uns darauf, euch alle persönlich zu treffen. Bis bald!

















































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Diego (Montag, 23 März 2026 10:29)
Danke für die tollen Berichte! Schön dass ihr wieder zurück seid!
Isa (Montag, 23 März 2026 18:49)
Eigentlich schade dass die spannenden Berichte nun ausbleiben, aber wir sind natürlich über-
glücklich, Euch beide wieder gesund hier zu haben.