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Neujahr mit alten Freundinnen

Auckland

Wir sind in der City of Sails! Zunächst fällt uns auf, dass es hier verflixt viele Motorboote gibt. Nicht nur in der riesigen Westhaven Marina, auch im vornehmen Viaduct Harbour dominieren grosse, hochglanzpolierte Kunststoffpötte mit Dieselantrieb. Es gibt sogar Hochregallager voller Motorboote, die für den Gebrauch mit dem Gabelstapler vom Brett gehoben und ins Wasser abgesetzt werden. So viel zur Stadt der Segel…

Viaduct Harbour mit Motorbooten | Bronzeplastik bei der Westhaven Marina

Eine erste Erkundung führt uns vom Hafen fort, hügelauf, mitten in die Grossstadt aus breiten grauen Betonstrassen, Blocks und Hochhäusern. In Auckland, auf Māori Tāmaki Makaurau oder Ākarana genannt, lebt rund ein Drittel der fünf Millionen Einwohner:innen des Landes. Die hügelige Stadtlandschaft wurde von über fünfzig Vulkanen geformt. Nach Osten hin grenzt Auckland an den Pazifik, nach Westen via Manukau Harbour an die Tasmansee.

Aucklands Hochhäuser von oben | Ausblick in den Hafen und auf Rangitoto Island

Fünfzig Vulkane

Die Lage am pazifischen Feuerring und die damit verbundene vulkanische Aktivität hat etwas Faszinierendes und zugleich Bedrohliches an sich. Der faszinierenden Seite wollen wir auf jeden Fall noch nachgehen, wenn wir im Februar die Region um Taupo und Rotorua besuchen. Erst mal lernen wir im War Memorial Museum etwas über die bedrohliche Seite der Vulkane. Hier gibt es einen Vulkanausbruch Simulator.

Vulkanausbruch Simulation im War Memorial Museum in Auckland

Die Museumsbesucher:innen machen es sich im Wohnzimmer eines typisch neuseeländischen Hauses bequem und geniessen erst einmal die Aussicht in den Hauraki Gulf. Plötzlich bebt die Erde, draussen, in der Bucht steigt eine Dampfsäule empor. Die Simulation endet, wenn die Druckwelle des Ausbruchs die Fensterscheibe zersplittern lässt. Die Lektion der Ausstellung: verlass die Stadt auf jeden Fall bevor es knallt, danach ist es zu spät. Das Miterleben eines Vulkanausbruchs in Auckland ist allerdings, gemessen an unserer bescheidenen Lebensspanne, recht unwahrscheinlich.

Simba und Prisca

Wir sind nicht weiter beunruhigt und kehren in den Hafen zurück, wo wir ALOY für unsere Gästinnen vorbereiten. Am Nachmittag des einunddreissigsten Dezembers treffen Monika, genannt Simba, und Prisca ein. Yipii! Ich freue mich riesig über unsere Besucherinnen aus der Schweiz. Wir richten einen schönen Apéro her und stossen im Cockpit gemeinsam auf den Jahreswechsel an. Von der Westhaven Marina aus können wir das ungewöhnliche Feuerwerk des Sky Towers betrachten. Prosit!

Silvesterfeuerwerk auf dem Sky Tower | beleuchteter Hafen

Am kommenden Vormittag, nachdem Prisca und Simba ihren Jetlag einigermassen ausgeschlafen haben, frühstücken wir im schicken Hafenviertel, für René und mich wird es ein Mittagessen, und bummeln die Queen Street hinauf. Dann besuchen wir Aucklands hohes Wahrzeichen. Von dem hundertachtzig Meter hohen Aussichtsdeck des Sky Towers aus hat man einen herrlichen Blick über Stadt und Meer.

Sky Tower von unten | Ausblick vom Sky Tower Richtung Westhaven Marina und Harbour Bridge

Rangitoto

Als nächstes ist ein zweitägiger Segeltörn im Hauraki Gulf vorgesehen. Aus Segeln wird allerdings nix, denn es weht kein Hauch. Dafür scheint die Sonne. Wir motoren aus der Marina und zur ersten grossen Insel vor der Stadt, Rangitoto Island. Der kegelförmige Berg entstand beim Ausbruch des Vulkans Rangitoto vor rund sechshundert Jahren, dem grössten und zugleich letzten Vulkanausbruch bei Auckland. Nachdem wir ALOY in einer Bucht verankert haben, spazieren wir zum Krater hinauf. Ein Grossteil der Insel ist inzwischen üppig bewaldet, doch stellenweise sieht man immer noch schwarze Lavafelder. Es gibt auch Lavatunnels, in die man hineinsteigen kann. Die Walderde ist auffällig rot. 

Ausfahrt mit ALOY (Foto: Simba) | Lavafeld | Simba und Prisca wandern auf Rangitoto Island | René steigt in einen Lavatunnel | rote Erde 

Meine ehemaligen WG-Mitbewohnerinnen leben sich schnell an Bord ein, wobei sich Prisca, die im Gegensatz zu Simba und mir, in ihrer Jugend über Hobbitgrösse hinausgewachsen ist, regelmässig den Kopf am Türrahmen zur Kabine stösst. Das kalte Dusch- und Badewasser stört die beiden Schweizerinnen nicht, denn sie sind sich ja eisige Temperaturen gewohnt. Bei jeder Gelegenheit springen sie ins Meer und motivieren mich, auch wieder häufiger zu baden.

Beachen auf Waiheke

Als wir auf Waiheke Island wieder dieselbe Bucht ansteuern, in der wir Weihnachten verbracht haben, wird René übermütig. Er möchte möglichst dicht am Ufer ankern, fährt trotz Niedrigwasser immer näher an den Strand und sssst, stecken wir mit dem Bug im Sand fest. Das ist nicht weiter schlimm, weil der Untergrund gleichmässig weich und frei von Steinen ist. Nur das mit dem Anker einfahren wird schwierig, deshalb bringe ich das Geschirr zu Fuss aus.

Vollmond über Waiheke Island | bei nächtlichem Springniedrigwasser liegen die Boote auf dem Trockenen

In den kommenden Stunden steigt das Wasser wieder und wir bekommen Gelegenheit, ALOY besser zu verankern. Da wir Springtide haben, ist der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser dieser Tage besonders gross. Nachts sinkt der Pegel wieder und, René und ich sind dann doch ein bisschen aufgeregt, fallen wir komplett trocken. ALOY ruckelt eine Weile, während sie von den sachten Wellen in den Sand gedrückt und wieder angehoben wird. Schliesslich sitzt sie komplett auf dem Strand, erstmals seit der Bretagne.

Dorfbummel

Der Vorteil dieser Lage ist, dass man auch mal zu Fuss ans Ufer gehen kann. Für längere Ausflüge muss das Dinghy trotzdem mit, weil die Flut bekanntlich nicht wartet. Wir besuchen das Dorf Oneroa, bummeln durch die Gasse, trinken Cocktails und essen in einem italienischen Restaurant. In einem Geschäft kaufe ich mir ein neues T-Shirt, eins ganz ohne Löcher!

Simba spaziert ans Ufer | Rückkehr zu ALOY mit Dinghy an der Leine (Foto: Simba) | René mit den Einkäufen (Foto: Prisca) | Cocktail Party

Nach zwei Jahren auf See sind René und ich etwas abgewrackt. Wir besitzen kaum noch Kleidungsstücke ohne Löcher, Rost- oder Ölflecken. Bei den Flipflops lösen sich die Sohlen ab, meine Handtasche und mein Sonnenhut sind von der feuchten Salzluft schimmelig geworden und bei den Bikinis haben sich die Metallverschlüsse in Pulver aufgelöst. Die Reisverschlüsse von Jacken und Rucksäcken brauchen viel Zuneigung und WD 40, bis sie wieder auf- und zugehen. Es ist Zeit, dass wir uns fürs Landleben herrichten und so kaufen wir dieser Tage ein paar Dinge ein.

Zurück nach Marsden Cove

Von Waiheke aus nehmen Simba und Prisca die Fähre zurück nach Auckland. Für die nächsten zwei Wochen werden sie die Nordinsel bereisen und eine Freundin in Wellington besuchen, während wir ALOY nach Whangārei segeln. Der Wind ist uns wieder wohlgesonnen und wir machen gute Fahrt nach Kawau Island. Hier geniessen wir noch einen Tag am Anker, besichtigen ein altes Anwesen und dessen Gärten, in welchen einst mit dem Anbau importierter Pflanzen experimentiert wurde. Dann setzen wir ein letztes Mal die Segel, vierzig Seemeilen zurück nach Marsden Cove am Whangārei Harbour.

Auf dem Anwesen von Manison House, Kawau Island (Bild 1-4) | letzter Segeltörn zurück nach Marsden Cove

Einmal im Hafen bricht auf ALOY das grosse Chaos aus. Das Boot muss ausgeräumt und für allfällige Kaufinteressenten hergerichtet werden. Da unsere Zeit in Neuseeland bald endet, ziehen wir einen Makler hinzu, der sich vor Ort um den Bootsverkauf kümmern soll. Er kommt vorbei, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen und mit uns das Vorgehen zu besprechen. Nach und nach verkaufen und verschenken wir alles an Ausrüstung, was wir nicht mit nach Hause nehmen wollen. René trennt sich schweren Herzens von seinem Tauchkompressor, der an ein kanadisches Segelpaar geht. Die Tauchflaschen übernimmt SOVMORGON, Mads kauft uns das Dinghy ab, unsere Hafennachbarn freuen sich über die Gesellschaftsspiele. Werkzeuge, Ersatzteile, Bücher finden neue Eigentümmer:innen.

Trauriger René mit dem Tauchkompressor | Eindrücke rund um Marsden Cove Marina (Bild 2-4)

Kurzurlaub Coromandel

Als Simba und Prisca von ihrer Rundreise zurück sind, unterbrechen wir die Entrümpelungsaktion und legen einen Kurzurlaub ein. Gemeinsam fahren wir auf die Coromandel-Halbinsel, wo wir für zwei Nächte ein gemütliches A-Frame-Häuschen mit fantastischer Aussicht gemietet haben. Mit einem Mietauto kreuzen wir durch die Gegend und besuchen beliebte Badeorte.

Unser Ferienhäuschen mit Ausblick

Am Hot Water Beach kann man sich sein eigenes kleines Warmwasserloch graben, vorausgesetzt man hat eine Schaufel und findet den richtigen Spot. Als wir dort ankommen, herrscht ein ziemlicher Rummel um den vermutlich einzigen warmen Fleck. So verlegen wir uns aufs Baden im kühlen Meer. Ein anderer Strand, Cathedral Cove, ist wegen der eindrücklichen Felsformationen in hellem Kalkstein bekannt. Die «Cathedral» ist eine Höhle, beziehungsweise ein hoher spitzbogiger Tunnel, direkt am Wasser. 

Simba testet die Wassertemperatur | Rummel am Hot Water Beach | Prisca und Simba vor der "Cathedral" | Wasserfall irgendwo mitten im Wald | Drei Tourist:innen geniessen die Aussicht über Coromandel (Foto: Simba)

Der Weg zurück nach Coromandel Town und zu unserem Häuschen führt auf einer holprigen Strasse über einen Berg und durch den Wald. Per Zufall entdecken wir einen lauschigen Wasserfall, an dem wir eine Rast einlegen. Der Urlaub ist nur allzu rasch vorbei. Für Prisca und Simba heisst es nach Hause reisen, für uns zurück ins Ausräumchaos.

Sturm zum Auswassern

Am Tag vor unserer Rückkehr nach Marsden Cove erhalte ich eine Nachricht von der Marina. Sie weist auf einen aufkommenden Sturm hin und bittet alle Hafenlieger ihre Leinen zu kontrollieren. Die Formulierung in der Nachricht macht den Eindruck, als handele es sich um ein ernst zu nehmendes Unwetter. Wir checken das Wetter und erfahren, dass eine tropische Depression über Neuseelands Nordinsel ziehen wird.

René eilt durch den Regen in Marsden Cove Marina | nasse Kleider hängen von ALOYs Decke

Zurück an Bord verkriechen wir uns sogleich für zwei Tage unter Deck, natürlich haben wir davor die Leinen geprüft. Es schüttet stundenlang und heftige Windböen bringen die Boote im Hafen zum Krängen. Schliesslich müssen wir unseren Auswasserungstermin bei der zehn Meilen entfernten Werft um einen Tag verschieben, weil es unvernünftig wäre, bei dem Sturm die Marina zu verlassen.

Kurs Norsand Boatyard, Endstation unserer Reise in Nebel und Niesel

Am Morgen des 21. Januar erwischen wir ein wenige Stunden währendes, windarmes Zeitfenster und tuckern mit der Flut den Meeresarm hinauf nach Norsand, ausserhalb der Stadt Whangārei. Die Werftmitarbeiter haben alles vorbereitet und ziehen ALOY mit einem Bagger an Land, bevor das Unwetter weitertobt. Die Fahrt den Whangārei Harbour hinauf erinnert mich an unsere ersten Etappen in der Bretagne: lange gewundene Fahrwasser mit leuchtenden roten und grünen Seezeichen unter grauen Nebelschwaden, Ölzeugwetter.

Regenwetter, Regenstimmung

Die nächsten zwölf Stunden fallen Bäche vom Himmel. Auf meinem Handy erscheint ein Alarm mit der Anweisung, einen Grabbag für eine eventuelle Evakuation bereitzuhalten. In den Nachrichten lesen wir, dass die Coromandel Halbinsel, wo wir noch vor einer Woche Sommerurlaub gemacht haben, nun wegen überfluteten Strassen teilweise abgeschnitten ist.

Aussicht verregnet

Der Regen passt zu meiner Stimmung. Ich will nicht gehen, ALOY nicht zurücklassen. Ich weine bitterlich, René ist ratlos. Doch es wird Zeit. Wir packen unsere Taschen, ich schreibe diesen Bericht, und nun?

ALOY steht bereit zum Auswassern | Crew in Ölzeugjacken

Das ist noch nicht ganz das Ende. Bevor wir Mitte März in die Schweiz zurückfliegen, bereisen wir die südlicheren Gegenden von Neuseeland. Euch erwarten hier also noch ein oder zwei Berichte, diesmal aus der Landrattenperspektive. Und wer weiss, vielleicht gibt es ja dann auch noch ein Update zum Verkaufsstatus von ALOY.

ALOY wird an Land gezogen

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Kommentare: 3
  • #1

    Simba (Donnerstag, 29 Januar 2026)

    Es war super schön bei euch!! Viel Erfolg beim Verkauf und geniesst die Reise!!

  • #2

    Isa (Donnerstag, 29 Januar 2026 17:41)

    Ein weiterer, interessanter Bericht. Und viel Erfolg mit dem Verkauf von ALOY auch wenn’s traurig ist, die vielen schönen Erinnerungen bleiben.

  • #3

    Sandra (Mittwoch, 18 Februar 2026 20:36)

    Kann ich gut verstehen. Man verliert ein Zuhause und eine Aera geht zu Ende. Loslassen ist niemals einfach, auch wenn man weiss man schlägt ein neues Kapitel im Leben auf, weiss man, man schliesst ein anderes halt auch ab.