Nun, da ALOY wieder im Wasser ist, wird es Zeit, die Bay of Islands seglerisch zu erkunden. Der natürliche Hafen im Nordosten Neuseelands ist mit seinen 144 Insel(che)n sowie Halbinseln und Meeresarmen ein grossartiges Wassersportrevier. Segelboote kreuzen durch die Bucht, Freizeitfischer werfen ihre Angeln aus, Schnellfähren cruisen zum «Hole in the Rock» und Wassertaxis setzten Wanderlustige an den Ufern ab. Dazwischen patrouillieren in überraschend hoher Anzahl Parkwächter:innen und verteilen Infobroschüren zu den Schutzbestimmungen, die sie einem mit kleinen Geschenkartikeln über die Bordwand reichen.
Ausblick in die Bay of Islands
Nächtliche Kiwipirsch
Jeder Ankerplatz kommt mit einem von Felsen gesäumten Strand und einem gepflegten Spatzierweg daher. Das frühsommerliche Klima spornt uns zum Laufen an, endlich mal keine drückende Tropenschwüle! Der Aufstieg auf die Hügel wird von herrlichen Ausblicken belohnt und zwischen Baumfarnen und Teebäumen kann man die wunderlichsten Vogellaute hören. Bevor der Tui eine seiner melodischen Tonfolgen von sich gibt, macht er bisweilen ein Geräusch wie die Sprungfeder einer Kuckucksuhr.
Baumfarne am Waldweg | Army Bay vor Moturua Island
Wir haben uns mit SOVMORGON, APNEA und TIPOTA vor der Insel Moturua verabredet. Hier sollen besonders viele Kiwis leben. Wenn man im Dunkeln geduldig Ausschau hält, könne man sie beobachten. Ester überredet uns zu einer nächtlichen Expedition. Bei Vollmond und mit Rotlichttaschenlampen gerüstet landen wir am Strand an und schleichen durch die Gegend.
Baumfarn bei Nacht
Es soll hier gar so viele Kiwis geben, dass zuletzt einige Exemplare umgesiedelt wurden. Die erste halbe Stunde gehen wir über einen sumpfigen Pfad nach Norden. Immer wieder verharren wir und lauschen in den Wald. Hier ein Rascheln, dort ein Scharren. Ab und zu können wir aus der Ferne den hohen Schrei des Kiwis vernehmen, genauso wie er auch auf YouTube geklungen hat. Leider sichten wir keinen der flauschigen Laufvögel. Also gehen wir danach in die andere Richtung, steigen auf eine Anhöhe und wieder hinab. Wieder Rascheln, dann ein Flüstern, das Aufblitzen einer Taschenlampe und …
Spinnennetz zwischen den Bäumen | Mondschein am Strand von Moturua Island | Mondschein im Cockpit
Das ist wohl unser Problem. Keiner von uns kann lange genug stillstehen und schweigen. Hätten wir uns einfach für zwei Stunden an den Strand gesetzt, hätten wir vielleicht einen Kiwi gesichtet. So aber bleiben die scheuen Tiere vor uns verborgen. Spannend war es allemal, vielleicht sogar ein kleinwenig gruselig, besonders als Niklas Taschenlampenstrahl ein grosses Spinnennetz direkt neben uns streift.
Wracktauchen in der Kälte
Vor der smaragdgrünen Deep Water Cove, in welcher zurzeit junge Hammerhaie ihre Kreise ziehen, liegt das Wrack einer ausgemusterten Navy Fregatte. Das Canterbury Wrack ist ein beliebtes Tauchziel und hier kommen wir zur Kehrseite des subtropischen Klimas. Wie so oft im letzten halben Jahr begeben wir uns zusammen mit der SOVMORGON-Crew zum Tauchplatz, diesmal allerdings mit der gefühlt doppelten Ausrüstung. Über meinen langen 4mm dicken (bzw. dünnen) Neoprenanzug ziehe ich einen 3mm Shorty an, dazu Neoprensocken, -handschuhe und eine -haube.
Deep Water Cove | Viel Neopren soll uns vor der Kälte schützen
Das 19°C kalte Wasser ist für uns ungewohnt und nun bedauern wir es, keine richtige Dusche mit warmem Wasser an Bord zu haben. Unsere Körperpflege, ins Meer tunken, einseifen und wieder ins Meer springen, um anschliessend mit kaltem Süsswasser nachzuspülen, geht jetzt jeweils mit Klagen und Gekreische einher. Mir kommt sogar der Gedanke, ob es machbar wäre im Neopren zu duschen… schwierig. Nach dem Bad kuscheln wir uns schnell unter Deck ein.
Brücke des Canterbury Wrack | Skorpionfisch | Stechrochen
Als wir zum Tauchgang ins Wasser springen, verhindern die Anzugschichten erst einmal, dass die Kälte bis auf die Haut vordringt. Also tauchen wir ab. Das 1970 gebaute, 113 Meter lange Kriegsschiff hat mehrere Levels, die man erkunden kann. Dank zahlreicher in den Rumpf geschnittener Eingänge kommt man zumindest in die oberen Decks leicht hinein und hinaus.
Wir erkunden diese, bewundern die Kabinen, einen alten Elektrokasten, Hinweisschilder und die Toiletten, die doch recht gut im Schuss sind. Fischschwärme beleben die dunklen Räume, ein Roche entspannt auf dem Achterdeck. Nach einer halben Stunde wird uns kalt und wir machen uns an den Aufstieg.
René verschwindet im Wrack | alte Warnschilder | Toillette unter Wasser
Abschiedsessen
Wie so oft in den letzten Monaten treffen wir uns am Abend zum gemeinsamen Znacht mit Ester und Niklas, Petunia und Mads. Doch es ist das letzte Abendessen der Tiny Fleet. Ester und Niklas werden am folgenden Tag Richtung Auckland aufbrechen, von wo aus die Finnin nach Hause reist. Wir hatten die beiden im März in Guna Yala kennengelernt, als deren Freundin Alex gemeinsam mit unserer Freundin Rebecca im gleichen Wassertaxi anreiste. Wenige Tage später trafen wir in der Shelter Bay Marina erstmals auf Petunia und Mads und formierten unsere Flottille.
Mads, Petunia, Ester, Niklas und René (v.l.) im Salon von ALOY
Sie sollte für achttausend Seemeilen und neun Reisemonate Bestand haben. Wir unterstützten uns beim Panamakanal und den Vorbereitungen für die Ozeanpassage, standen uns während der Pazifiküberquerung digital bei und haben seither jede Insel gemeinsam besucht, unsere Boote fast immer nebeneinander verankert und zusammen viele neue Crews kennengelernt und wieder verabschiedet. Jetzt ist es Zeit für diesen Abschied. Leute, es war eine grossartige Zeit mit euch!
Cape Brett
Petunia kommt am nächsten Tag noch mit uns wandern. Wir wollen die zehn Kilometer zum Cape Brett Lighthouse meistern, der den Eingang zur Bay of Island kennzeichnet. Es geht für unser aktuelles Fitnesslevel allerdings arg auf und ab.
Am Ende verdanken wir es Petunias eiserner Entschlossenheit, dass wir den ganzen Weg bis zum Kap schaffen. Von den Klippen aus beobachten wir, wie SOVMORGON in den Ozean hinaus motort. Am kommenden Morgen verabschiedet sich auch die APNEA-Crew von uns. Petunia und Mads verlassen die Bay of Island Richtung Whangārei, von wo aus Pepe zu ihrer Familie nach Deutschland reisen wird.
Eindrücke von der Wanderung zum Cape Brett Lighthouse
René und ich fühlen uns plötzlich schrecklich einsam. Ein wenig ziellos gondeln wir von hier nach da, besuchen das geschichtsträchtige Russell, ohne viel von dessen Geschichte mitzukriegen und verkriechen uns vor Wind und Welle in die abgelegene Te Hue Bay.
Historisches Gebäude in Russell
Dann wird es auch für uns Zeit Richtung Süden zu segeln. Mit epischem Herr-der Ringe-Soundtrack preschen wir ums zweihundert Meter hohe Cape Brett, der Leuchtturm sieht von hier unten winzig aus, und schon sind wir wieder auf dem Pazifik unterwegs.
Das Cape Brett und die vorgelagerten Felsen aus der Bootsperspektive
Kurzdistanz-Segeln
Hier, an der Nordostküste von Neuseelands Nordinsel, gibt es genug Buchten, dass man sich in komfortablen zwanzig Meilen Etappen der Küste entlang hangeln kann. Zu Beginn unserer Reise in Frankreich kamen uns zwanzig Meilen noch weit vor, inzwischen halten wir das für ein gemütliches Halbtagesprogramm. Morgens kann man Ausschlafen und nachmittags, nach dem Ankommen bleibt immer noch Zeit etwas zu unternehmen. Bliebe Zeit, denn so richtig unternehmungslustig sind wir nicht. Die Buchten sind allerdings auch vom Cockpit aus sehr hübsch, am Boot gibt’s wie immer Arbeit und ab und zu müssen wir ja ins kalte Wasser springen.
Auf dem Weg Richtung Whangarei und Auckland
ALOY beeindruckt uns derweil mit einer neuen, höheren Durchschnittsgeschwindigkeit. Sie legt jetzt regelmässig 6.5 bis 7 Knoten hin. Woran das wohl liegen mag? An dem verhältnismässig flachen Wasser bei trotzdem gutem Wind? Am frisch gestrichenen Unterwasser? Oder werden wir gegen das Ende hin einfach kühner und lassen mehr Segelfläche stehen? Es macht richtig Spass!
Möwe in der Marsden Cove Marina
Auf halber Strecke machen wir für drei Nächte Halt in der Marsden Cove Marina nahe Whangārei und treffen dort auf bekannte Gesichter, Janine und Micha von der SEVEN und Laura und Emil von der APOLLON. Eine Seglerin, Jenny, die wir einst in der Karibik kennen gelernt haben, lebt nun hier auf ihrem Boot. Ein leutseliger Neuseeländer, Don, der eines Abends neben uns im Hafencafé sitzt, besucht uns am nächsten Tag mit seinem Enkel auf ALOY und bringt pflückfrischen Gartensalat und Weihnachtsgebäck mit. Susi vom Marinebüro lädt uns zur Vorweihnachtsfeier des Hafens ein. René und ich werden langsam aber sicher wieder etwas munterer und geselliger.
Hafenweihnachten | Schleuse bei Marsden Cove
Waiheke Island
Derweil verabschieden sich Petunia und Ester von ihren Partnern und steigen in ihre Flugzeuge. Mads und Niklas sind nun zwei Einhandsegler. Wir verabreden uns mit den beiden in einer Ankerbucht auf Waiheke Island. Die Insel liegt direkt vor dem Waitematā Harbour, Aucklands nordöstlichem Naturhafen, und ist ein beliebter Naherholungs- und Urlaubsort für die Städter:innen. Von den grünen Hügeln aus geniesst man einen Ausblick über malerische Weinberge und den beeindruckenden Vulkankegel des Rangitoto. Entlang der Küste locken Sandstrände mit Barbecue Facilities Besuchende an.
Weinberg | Farm auf Waiheke Island, im Hintergrund der Vulkan Rangitoto
Die Bucht vorm Dorf Oneroa ist bei unserer Ankunft an einem Samstagnachmittag proppenvoll. René manövriert uns zwischen den schwankenden Segelyachten hindurch zu den kleinen Motorbooten, die ruhig in Strandnähe ankern. Das Echolot zeigt noch zwei Meter Tiefe an. Höchste Zeit, den Kiel einzufahren und kurz zu überschlagen, wie viel der Wasserstand noch sinken wird, bis wir Niedrigwasser erreicht haben. Hier betragen die Wasserstandunterschiede zwischen Hoch- und Niedrigwasser je nach Ort bis zu zweieinhalb Metern. Es lohnt sich also, dies beim Ankern einzukalkulieren.
Eindrücke vom Dorf Oneroa | Bucht mit Sandstrand und trainierenden Optimisten
Dank ALOYs flachem Rumpf könnten wir auf den weichen Sand- und Lehmböden auch Trockenfallen, müssten allerdings sicherstellen, dass nicht doch noch irgendwo Steine rumliegen, die eine unschöne Delle ins Aluminium drücken. Wir verzichten erst mal darauf und nutzen einfach die Möglichkeit in Gehdistanz zum Strand parkieren zu können.
Eine Yacht fällt trocken
Verfressene Weihnachtsgesellschaft
Am Abend vor Weihnachten sind wir auf SOVMORGON eingeladen. Niklas und Mads haben einen Kingfisch gespeert, aus welchem Fischer Mads leckeres Sashimi zaubert. Da es hier in Neuseeland kein Ciguatera gibt, können wir auch wieder küstennah gefangene Fische bedenkenlos essen. Niklas richtet derweil eine appetitliche Käseplatte her und dekoriert sie mit Obst. Die reichlich mit vertrauten Lebensmitteln gefüllten Supermärkte sind einer der Vorzüge von Neuseeland, den wir gerade sehr geniessen. Da hier Sommer ist, gibt es Erdbeeren, Kirschen und Heidelbeeren, etwas, was wir die letzten zwei Jahre nicht mehr gegessen haben. Obst und Gemüse wachsen im Kiwiland reichlich. Anbau und Export landwirtschaftlicher Produkte spielen eine wichtige Rolle in Neuseelands Wirtschaft, unter anderem gerade deshalb, weil das Land Sommerfrüchte im Nordwinter anbieten kann.
Vorweihnachtsabend auf SOVMORGON mit vielen Leckereien | von Petunia gehäkelte Weihnachtsdeko
Am Weihnachtstag gehen wir schwimmen, verteilen frisch gebackene Spitzbuben unter unseren Bekannten, dann kochen wir ein Dreigangmenu für uns beide und unseren Weihnachtsgast Niklas. Es wird ein langer und sehr unterhaltsamer Abend mit saisonalem Spargelsalat, selbstgemachten Spätzli, Renés allseits beliebtem Tiramisu und neuseeländischem Wein. Weihnachten geht auch hier durch den Magen. Ungefähr um drei Uhr morgens verabschiedet sich Niklas und wir schlafen am nächsten Tag bis zum Mittag aus.
Auckland Ahoi
Am 26. Dezember legen wir Ruder Richtung Auckland. Die Skyline von Neuseelands grösster Stadt war bereits von Waihekes Anhöhen aus sichtbar. Jetzt wachsen die Silhouetten der Hochhäuser rasch in den Himmel, während wir ihnen näherkommen. Der berühmte Skytower dominiert das Stadtbild. In der Bucht unterhalb der Harbour Bridge begegnet uns eine ehemalige America’s Cup Rennyacht, die inzwischen für Freizeitausfahrten genutzt wird.
Auckland in Sicht | eine America's Cup Rennyacht
ALOY bekommt einen Hafenplatz in der Westhaven Marina, der mit 1’800 Hafenplätzen angeblich grössten Marina der südlichen Hemisphäre. Hier vertäuen wir unser Boot für die kommende Woche und warten ungeduldig auf unseren Besuch. Pünktlich zur Silvesterfeier sollen meine guten alten Freundinnen Monika und Prisca auf ALOY eintreffen. Auckland ist die weltweit erste Grossstadt, die das neue Jahr begrüsst. Wir feiern dann also schon ein bisschen vor, während ihr noch den Schampus kaltstellt. Prost, euch allen einen guten Rutsch und einen gelungenen Start ins 2026!
Westhaven Marina | Auckland Downtown von der Westhaven Marina aus













































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