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Gesellschaftsinseln

Wir rollen die Genua aus, öffnen eine Packung Cracker und starten ein Sherlock Holms Hörspiel. Drei Stunden später sind wir auch schon auf Tahitis Nachbarinsel Mo’orea angekommen, wo wir uns zwischen die ankernden Boote vor der Cooks Bay quetschen. Die Gesellschafsinseln sind, nun ja, gesellig, wenn man die Touristenströme betrachtet. Gerade dies führt dazu, dass die eine oder andere Begegnung etwas unnahbar verläuft.

Mo'orea

Der Archipel umfasst die geologisch jüngeren «Inseln über dem Winde», zu denen Tahiti und Mo’orea gehören sowie die älteren «Inseln unter dem Winde» mit Huahine, Raiatea und Bora Bora. Sie wurden alle vom gleichen vulkanischen Hotspot geboren, der über Millionen von Jahren langsam nach Südosten wandert, so dass in einer langgezogenen Reihe eine Insel nach der anderen über den Meeresgrund wuchs.

Mo'orea von Tahiti aus gesehen

Wir bestaunen beeindruckende grüne Berge und Hügel umgeben von teilweise geschlossenen Saumriffen. Je weiter nach Westen wir kommen, desto älter und ausgeprägter sind die Riffe. Mo’oreas Riff wird von auffallend vielen Meeresschildkröten bewohnt. Beim Tauchen begutachten sie uns von allen Seiten, reagieren allerdings scheu, wenn wir sie unsererseits zu lange beobachten. Beim Schnorcheln im untiefen Wasser erkunden wir einen Tikigarten, angelegt vom Künstler Tihoti Guy, und begegnen einer Gruppe Stachelrochen.

Tikirelief von Tihoti Guy | Meeresschildkröten | gefleckter Adlerrochen | Stachelrochen | Schwarzspitzen-Riffhai

Wanderung am Mont Rotui

Westlich der Cooks Bay ragt der 899 Meter hohe Mont Rotui empor, der zweithöchste Berg der Insel. Am Fusse des Massivs befindet sich die Fruchsaftfabrik Rotui, deren Produkte man hier in jedem Supermarkt kaufen kann. Als wir nachmittags nach dem Tauchen dort vorbeischauen, sind wir schon zu spät für eine geführte Tour durch den Betrieb, aber im Laden schenkt man uns einige Säfte und Cocktailmischungen zum Probieren aus. Wir kaufen einen Mango-Passionsfruchtsaft und stellen diesen zuhause in den Kühlschrank, die ideale Heimkehrbelohnung für unser Grossunterfangen am folgenden Tag, der Mont Rotui selbst.

Cooks Bay mit dem Mont Rotui im Hintergrund

In aller Frühe, ausgerüstet mit Wanderschuhen und ordentlich Proviant brechen wir auf. Der Weg soll nicht besonders lang sein, nur drei Kilometer, aber die zu überwindenden 900 Höhenmeter lassen eine Herausforderung vorausahnen. Von Anfang an geht es ordentlich bergauf, zunächst noch durch den Wald. Nach der einen oder anderen Verschnaufpause wird der Anstieg steiler. Bergziege Niklas hüpft munter voran, René und Ester eilen ihm nach, ich keuche hinterher. Meine Fitness ist irgendwo auf den weiten Ozeanen verloren gegangen. Es gilt Stufen zu überwinden, die ich mit meinen kurzen Beinen nicht einfach hinaufsteigen, sondern richtig gehend hinaufklettern muss. Ab und zu ist ein hilfreiches Seil montiert.

Ester klettert am Berg | René ruht sich aus | Mont Rotui in der Wolke |Aussicht vom Rotui auf die Baie d'Opunohu | Illy beim Abstieg

Wir trinken viel, denn trotz des frühen Morgens brennt die Sonne bereits gnadenlos. Die Vegetation wird derweil immer niedriger und bietet kaum noch Schutz. Der Pfad wird schmaler, bis er schliesslich exakt auf dem Felsgrat entlangführt, beidseits ein steiler Abhang. Für jeden Schritt krallen wir uns an den bröckeligen Felsen fest oder finden vermeintlichen Halt an Wurzeln und schilfartigen Halmen, die uns in die Finger schneiden.

SOVMORGON und ALOY Crew am Mont Rotui | Ausblick über die Berge und die Cooks Bay (beides Drohnenaufnahmen von Niklas)

Nach drei Stunden und auf rund 600 Metern bin ich erschöpft, meine armen Seebeine zittern. Die ersten Wolken ziehen auf und hüllen den Gipfel über uns ein. René und ich beschliessen, umzukehren. Der Pfad ist so schmal und steil, dass ich fürchte den Rückweg nicht mehr zu schaffen, wenn wir noch weiter hinaufkraxeln. Ausserdem soll man Schluss machen, wenns am schönsten ist. Der Ausblick über den Felsgrat, den blauen Ozean und das Riff ist spektakulär, ein reichlicher Lohn für die Anstrengung. Langsam und wackelig machen wir uns auf den Rückweg, während Ester und Niklas tapfer weiterklettern.

Ester winkt in der Ferne | René geniesst die Aussicht am Grat des Berges | Aussicht über die Lagune und das Hilton Hotel

Böse Überraschung

Erschöpft und schweissnass kommen wir zwei Stunden später wieder an der Küstenstrasse an.

«Ein erfrischendes Bad und dann ein Glas Saft, was hälst du davon?,» frage ich René.

«Genau das Richtige» meint auch er. Es ist nicht mehr weit zum Dinghy. René biegt um die Ecke zum Strand: «Oh nein! Der Motor ist geklaut.»

Bitte? Im ersten Augenblick denke ich, er macht einen blöden Scherz. Leider nein. Diebe haben offenbar keine Anstrengung gescheut, die Kette und das Schloss geknackt und unseren wunderbaren, handlichen, zuverlässigen und fast neuen Aussenborder geklaut. Dabei haben sie mit dem Schneidewerkzeug zu allem Übel auch noch das Dinghy beschädigt, dessen linker Luftschlauch zusammengesackt vor uns liegt. Wir sind total frustriert. Und erschöpft. Was machen wir denn jetzt? Vom Strand bis zum Boot ist es über eine Meile, gegen Wind und Strömung.

Dinghy (Floaty) ohne Motor und mit schlappem linken Luftschlauch

Nachdem wir in einem nahen Hotel vergeblich darum gebeten haben, das Telefon benutzen zu dürfen, aktivieren wir umständlich ein Telefonguthaben auf meinem Handy und rufen bei der Polizei an. Diese weisst uns an während der Öffnungszeiten eine Anzeige auf dem Polizeiposten aufzugeben und jemanden zu finden, der uns zum Boot schleppt. So weit, so gut. Wir haben noch etwas Wasser und Knabbereien und machen es uns damit im Schatten der Bäume gemütlich. Niklas und Ester werden bald zurückkehren und uns abschleppen. Ihr Dinghy, das direkt neben unserem geparkt ist, ist nämlich völlig unversehrt.

Lieder sind die beiden Bergdohlen auch drei Stunden später noch nicht wieder aufgetaucht. Wir ringen uns zu einem Versuch durch, das halbschwimmende «Floaty» zum Ankerplatz zurückzupaddeln. Langsam arbeiten wir uns gegen Wind und Strömung an, Armtraining ergänzend zu den zittrigen Beinen. Dann kommt zum Glück eine junge Familie mit ihrem Motorboot vorbei und schleppt uns nach Hause.

Kurz vor fünf Uhr Abends, wir machen uns langsam Sorgen, tauchen aus Ester und Niklas wieder auf. Sie waren über zehn Stunden am Mont Rotui unterwegs, den Gipfel haben sie nicht erreicht. Der letzte Grat sei einfach zu gefährlich gewesen, um ihn ohne zusätzliche Ausrüstung in Angriff zu nehmen.

auf Dinghyfahrt vor Mo'orea

Ersatzmotor

Am kommenden Tag chauffiert mich die SOVMORGON Crew zur Polizeistation, wo ich den Diebstahl anzeige. René versucht derweil das Dinghy zu flicken, das ausgerechnet an einer blöden Stelle zwischen zwei Nähten beschädigt ist. Anschliessend melden wir den Schaden bei der Versicherung und diskutieren unsere Möglichkeiten.

Ohne Dinghymotor kommen wir in der Südsee nirgends weit. Häfen gibt es wenig, die Distanzen von den Ankerbuchten ans Ufer sind beträchtlich. Wir könnten nach Papeete zurückehren und dort einen neuen Motor kaufen. Die Preise sind allerdings haarsträubend, locker um die Hälfte höher als noch in Panama.

Polynesisches Kanu mit Ausleger ganz ohne Motor

Erneut haben wir Glück. SOVMORGON hat noch einen Aussenborder auf Lager, den wir vorerst nutzen können, bis sie diesen einer anderen befreundeten Yacht, der TIPOTA verkaufen. Wir überzeugen derweil die TIPOTA uns ihren 6-PS Honda occassion zu überlassen. Eine gute Woche und zwei Inseln weiter sind alle Geschäfte abgeschlossen und wir wieder ausgerüstet. Da die Versicherung für den Schaden aufkommt, muss nicht mal das Bankkonto leiden. Allerdings sind wir fortan etwas paranoid, wenn wir das Dinghy an Land belegen.

Angespannte Verhältnisse

Ein Nachttörn entfernt liegt Huahine, eine beschauliche Insel mit sanften Hügelzügen. Wir ergattern eine Mooringboje in einer Bucht vor einem Hotel, worüber wir sehr froh sind. Auf den Iles sous le Vent wird es zur Herausforderung einen Anlegeplatz zu finden. Die Inselbewohner:innen sind der Tourist:innen überdrüssig. Auf jede einheimische Person kommt auf den Gesellschaftsinseln ein Tourist. Neben den zahlreichen Gästen zu Land, gibt es auch immer mehr Segelboote, Langfahrer:innen wie auch Chartercrews, die alle irgendwo anlegen müssen.

Hügellandschaft von Huahine

Der Platz in den Buchten ist begrenzt und die Locals schätzen es wenig, wenn ihre Meersicht von Masten verstellt ist. Zu viel Boote belasten die Wasserqualität und stören den Lebensraum von Tieren und Pflanzen. Die Regierung versucht der Situation mit einer limitierten Anzahl klar abgegrenzter Anker- und Mooringfelder zu begegnen. Leider ist es nicht ganz einfach unter den vielen Änderungen auf Websites und in Broschüren, jene zu finden, die gerade aktuell sind.

 Dann wiederum ist ein Mooringplatz für sechs Boote ausgeschildert, aber nur eine einzige Mooringboje ist noch existent. In der Regel wird es toleriert, wenn dann die anderen Yachten im Mooringfeld ankern, auch wenn es ein paar mehr Boote sind, als erlaubt. Hin und wieder kommt es aber zu Konflikten. Wir hören und lesen von lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Segler:innen und sogar von mutwillig zerschnittenen Dinghys.

Wir fühlen uns wie lästige Vagabunden und das ist uns sehr unangenehm, zumal uns ja sehr bewusst ist, dass wir zuhause auch keine Freude haben, wenn uns Fremde ungefragt die Landschaft zupflastern. Da wir nun aber schon den weiten Weg hier her unternommen haben, wollen wir auch nicht instant ausklarieren. APNEA hat noch Familienbesuch bis Ende Monat und wenn möglich möchten wir gemeinsam in der Tiny Fleet weiterreisen. Es ist ein Dilemma. Wir geben uns grosse Mühe freundlich zu sein, uns an die Regeln zu halten und das lokale Kleingewerbe mit Einkäufen zu unterstützen bis wir dann just Ende Monat ausklarieren. Tatsächlich bleiben René und mir unerfreuliche Begegnungen erspart. Im Gegenteil, wir nehmen noch einige wunderbare Erinnerungen mit auf den Weg.

ORI Tahiti - Tahitianischer tanz

Am Tag nach unserer Ankunft auf Huahine veranstaltet das nahe Hotel eine Show mit traditioneller Musik und Tänzen. Petunia arrangiert, dass einer der Tänzer uns vorab eine Stunde Unterricht erteilt. Zusammen mit einer dänischen Crew lernen Ester, Petunia, Mads’ Mutter Uli und ich barfuss auf der Wiese des Hotels zwei Ori-Tänze, nicht zu verwechseln mit dem Tahiti Rock, den René und ich in Papeete geübt haben.

Tanzlektion | Illy im Kostüm | abendliche Tanzshow

Der Ote’a, ein schneller Tanz zu Trommeln geht mit viel Hüftschwung einher, beim langsamerem Aparima erzählen wir mit eleganten Arm- und Handbewegungen von der Tiaré, Tahitis Nationalblume. Abwechselnd tragen wir dabei auch ein typisches Kostüm. Es ist interessant und macht riesig Spass, besonders als wir nach vielen Repetitionen den Ote’a recht ordentlich hinkriegen.

Höhlentauchen vor Raiatea

Die Inseln Raiatea und Taha’a liegen direkt nebeneinander und sind von einem gemeinsamen Riff eingefasst. Raiatea wird auch die «Heilige Insel» genannt, da sie als Wiege der hiesigen Kultur gilt. Das Marae Taputapuatea ist das grösste spirituelle Zentrum Polynesiens, wo sich in der Vergangenheit die Clans verschiedener Inseln regelmässig versammelt hatten.

Marae Taputapuatea (Foto von Laura SY TIPOTA)

Von einem etwas windigen Ankerplatz am Riff aus unternehmen wir zwei abenteuerliche Tauchgänge. Einer führt uns zum Norby Wrack, einem stählernen Dreimaster aus dem Jahr 1900. Es ist recht einfach, in das auf der Seite liegende Wrack hinein zu tauchen, da vom Deck nur noch das Stahlgerüst übrig ist, nicht aber die hölzernen Decksplanken. So gibt es zahlreiche weite Öffnungen. Ungewöhnlich scheint uns, dass sich ganz oben innerhalb des Rumpfes eine Luftblase gebildet hat, in der man atmen kann, siebzehn Meter unter der Wasseroberfläche! Es muss sich um alte Tauchluft halten, die sich in der noch luftdichten Stahlhülle sammelt.

Deck des Norby Wrack | aufgetaucht in der Luftblase

Am Rande des Riffes zeichnet sich im türkisen Riffwasser ein dunkler Kreis ab, ein anderer, deutlich anspruchsvollerer Tauchplatz. Lässt man sich in dem dunklen Loch nach unten sinken, kommt man in eine Höhle, von der aus eine weitere kleinere abzweigt. Der Boden des Höhlenraums fällt steil in die Tiefe ab, wie tief, das wissen wir nicht und wollen es auch nicht herausfinden. Wir bleiben im oberen Bereich.

Der Tauchgang ist aufregend und faszinierend zugleich. Feiner weisser Staub bedeckt den Höhlenboden und die toten Korallen entlang der Wände wie eine Schneedecke. Es gibt kaum Fische, nur Stille und Düsternis. Wir müssen aufpassen, dass wir keine Sedimente aufwühlen, ein starker Flossenschlag und man sieht in der dunklen Höhle minutenlang nichts mehr.

blaues Rund über der Höhle | Auftauchen aus der Höhle | Taschenlampenstrahl in der Höhle

Vanilleinsel Taha'a

Das kleinere nördliche Taha’a wird heute auch als Vanilleinsel bezeichnet, weil dort die angeblich besonders delikate Tahiti Vanille angebaut wird. Während wir einige Starkwindtage abwettern, besuchen wir die kleine, biologisch produzierende Fare Vanira Farm und lernen etwas über die Herstellung des teuren Gewürzes.

Um die kletternde Vanille-Orchidee aufzuziehen, braucht es eine Trägerpflanze, zum Beispiel niedrige Feigen- oder Ficusbäumchen. Diese werden mit einem Beet aus Kokosfasern umbettet, in welchem die Orchideen wurzeln. Im Alter von drei Jahren blühen die Orchideen erstmals. Die Bestäubung der hermaphroditen Blüten geschieht von Hand. Vanille ist hier nicht heimisch und die polynesischen Insekten sind zu gross, um in die kleinen Pollenkammern zu gelangen. Nach der Bestäubung wachsen die langen, duftenden Vanilleschoten. Die Farm postiert nachts zwei Sicherheitskräfte, welche die kostbaren Schoten bewachen und vor Dieben beschützen.

Feigenbäumchen mit Vanilleranken | Vanille-Orchideen

Aufbruch von Bora Bora

Nach dreieinhalb Monaten wird es Zeit für uns Französisch Polynesien zu verlassen. Zum Ausklarieren segeln wir nach Bora Bora. Der markante kegelförmige Berg ragt steil aus dem Wasser empor. Eine besonders breite, herrlich klare Lagune umschliesst die Luxusinsel, Traumziel vieler Hochzeitsreisen.  

Wir geniessen die Aussicht und bereiten uns gleichzeitig auf die Weiterreise vor. Unser nächstes grosses Ziel ist das 1'300 Seemeilen entfernte Tonga. Welche Route wir einschlagen und ob wir noch Zwischenstopps einlegen, hängt vom Wetter ab. So oder so steht eine längere Seereise an. Ihr hört von uns, sobald wir in Tonga angekommen sind. 

Bora Bora in der Ferne | Bora Bora's Lagune vom Mont Pahia aus

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Kommentare: 1
  • #1

    Hansruedi (Samstag, 30 August 2025 09:01)

    Hoi mitenand
    Der Europe Signalchat von heute Morgen hat mich auf eure HP geführt. Danke für die tollen Berichte und die eindrücklichen Bilder. Geniesst eure Zeit und weiterhin gute Fahrt und die wichtige Handbreit Wasser unter dem Kiel?
    Liebe Grüsse Hansruedi & Denise