«Oh nein! Nein!,» ich brauche eine Sekunde, um zu begreifen was gleich passieren wird, «rückwärts!» schreie ich dann, von meinem Platz im Bugkorb aus nach Achtern. René braucht auch eine Sekunde, bis er begriffen hat, dass unser fröhlich scherzendes Gespräch beendet ist. Vom Bugkorb bis zum Steuerstand sind es zehn Meter. Bei brummelndem Motor, Windrauschen und Wassergeplätscher ist es oft schwer, sich gegenseitig zu verstehen. Nicht selten bricht beim Ankern ein Streit aus, weil wir uns notgedrungen gegenseitig Anschreien und uns dann darüber aufregen. Doch dies hier ist anders. Der Ankerplatz ist noch fünf Meilen entfernt und ich kann förmlich zusehen, wie René meinen Gesichtsausdruck deutet und realisiert, dass das, was ich eben gerufen habe, todernst und verdammt dringend ist. Mein Geschrei dringt in seinen Verstand und er reagiert nun sehr schnell, legt sogleich den Rückwärtsgang ein. Es ist zu spät.
TAUCHGANG AM AUSSENRIFF
Vor einer Woche sind wir nach Makemo gekommen. Die Distanz von unserem letzten Atoll Raroia bis hierher betrug achtzig Meilen, eigentlich viel zu wenig für vierundzwanzig Stunden bei frischem Wind. Wir müssen unterwegs die Zeit totschlagen. Deshalb unternehmen wir am Aussenriff von Raroia zunächst zwei Tauchgänge. Wir fahren im Tiny-Fleet-Verband durch den Pass, dann springen René, Ester und Petunia in voller Tauchausrüstung ins Wasser. Während sie sich tauchend der Leeküste entlang treiben lassen, beobachten Niklas, Mads und ich die farbigen Tauchbojen von den Segelbooten aus.
Garten aus Steinkorallen an Makemos Aussenriff | Apnoetaucher Mads mit Fischschwarm
Sobald die Gruppe wieder auftaucht, sammeln wir die Taucher:innen ein und wechseln. Der Tauchgang entführt uns in ein fantastisches Korallenreich, ein sachte terrassierter Garten aus verschiedenen Steinkorallenarten, zarte Farben, vielfältige Formen. Schwärme von Doktorfischen und Meerbarben ziehen vor uns durchs Wasser. Kleine, bunt gemusterte Fische schweben wachsam vor ihren Korallenhäusern. Zu unserer Rechten, dort, wo das Korallenriff plötzlich steil in die Tiefe abfällt, schwimmt ab und an ein Riffhai in respektvollem Abstand vorbei.
MAKEMOS UNTIEFEN
Zurück an Bord machen wir uns auf den Weg Richtung Südwesten. Die Nacht über treiben wir mit einem einzigen Quadratmeter Segelfläche vor dem Wind, ALOY benimmt sich trotz fünf Windstärken ausgesprochen zahm. Mit dem ersten Sonnenlicht am nächsten Morgen erreichen wir Makemo und fahren unter Motor durch den Pass hinein in das Atoll. Da die Sonne tief im Osten steht, ankern wir zunächst beim Dorf, das sich wie üblich gleich am Pass befindet. Erst um die Mittagszeit, mit der Sonne im Rücken, wagen wir die zweistündige Fahrt zum Ostende des Atolls.
Seekarte von Makemo | Satellitenkarte von Makemo
Makemos Lagune ist ein Streuselkuchen aus Untiefen. Unzählige Riffe, die sich wie Krümel im Atoll verteilen. Sie reichen bis knapp unter die Wasseroberfläche und sind entsprechend gefährlich. Wenn überhaupt, sind diese Korallenbänke nur in Passnähe kartiert. Für den Rest des Atolls zeigt die Seekarte eine trügerisch freundliche weisse Wasserfläche an. Wesentlich aussagekräftiger ist die Satellitenbildkarte. Hier erkennt man die Riffe als blasse Punkte vor dunkelblauem Grund. Von Auge erspäht man die Untiefen nur bei geeignetem Licht. Bei Gegenlicht oder Bewölkung bleiben die Korallenbänke unsichtbar.
Korallenankern
Im Slalomkurs fahren wir durch die Lagune bis wir den weitläufigen Ankerplatz erreichen. Wir finden ein ruhiges Plätzchen nahe eines kleinen Motus. Das Ankern im Atoll ist genau wie das Navigieren eine Herausforderung. Man muss sich zwischen den Korallenköpfen einen Sandflecken suchen, wo der Anker sicheren Halt finden. Sobald der Anker und einige Meter Kette am Grund liegen, springt meist jemand von uns dem Anker hinterher, kontrolliert, dass das Geschirr im Sand platziert ist und sich dort ordentlich eingräbt. Anschliessend befestigen wir in regelmässigem Abstand Fender an der Kette, sodass diese über den Korallenköpfen schwebt, anstatt sich darin zu verheddern.
Schwebende Ankerkette mit Fendern als Aufhänger | Korallenköpfe hinter ALOY's Heck
Selbstverständlich muss man darauf achten, dass alle Korallenköpfe im Schwojkreis des Bootes ausreichend tief unter der Wasseroberfläche liegen. In Amanu wurde es für ALOY einmal knapp. Nachdem der Wind um 180° Grad gedreht hatte, lagen mehrere hochaufragende Korallenköpfe unmittelbar hinter dem Heck. Hier in Makemo finden wir einen ebenen beinahe korallenfreien Standort, wo wir ALOY sicher wissen.
ALOY's Ankerplatz in Makemos Südosten (fast ohne Korallenköpfe)
Rinos Kokosfarm
Wir schwimmen ans nahe Ufer und stellen uns bei Rino und dessen Wachhund Chocolat vor. Rino hat nichts dagegen, dass wir, sozusagen, in seinem Vorgarten geparkt haben. Er lädt uns ein, vor seiner Hütte Platz zunehmen und öffnet Trinknüsse für uns. Ich schreibe "Hütte", weil es sich bei dem Gebäude nur um einen kleinen, halb offenen Unterstand handelt. Es gibt einen vor Regen geschützten Schlafplatz, Arbeitsmaterial und einen kleinen Gasherd mit Kochutensilien. Das Motu ist eine von mehreren Kokosfarmen, die Rino bewirtschaftet. Er kommt für die Kokosernte her, bleibt einige Wochen, bis seine Arbeit getan ist und zieht dann zur nächsten Farm weiter.
Trocknendes Kopra | Trocknungshäuschen
Rino freut sich spürbar über unseren Besuch, erzählt uns aus seinem Leben und erläutert die Kopraproduktion. Die mit einer langen Stange von den Palmen geangelten Kokosnüsse schlägt er mit der Machete in zwei Hälften und lässt diese dann für etwa drei Tage liegen. Danach lässt sich das Kokosfleisch sehr einfach aus der Nussschale lösen. Das saftige Fleisch wird zum Trocknen an der Sonne ausgelegt. Teilweise haben die Farmbesitzer dafür Planen auf dem Boden ausgelegt. Falls es anfängt zu regnen, muss schnell eine zweite Plane darüber gespannt werden, damit das Kopra nicht wieder feucht wird. Hin- und wieder sehen wir auch speziell konstruierte Trockenhäuschen, wo das Kopra auf einer hölzernen Plattform ausliegt. Ein niedriges Dach kann bei Bedarf darüber gerollt oder wieder entfernt werden. Rino nutzt beide Systeme und wir dürfen ihm ein bisschen bei der Arbeit zur Hand gehen.
Palmen zum Abschied
Wir verabreden uns mit ihm für den kommenden Tag auf ein Picnic. In René ist der Lebensmitteltechnologe entflammt und er will alles ganz genau wissen. Rino erklärt geduldig und ich übersetze vom Französischen ins Deutsche und zurück. Als Dank für Brot, Maissalat und kalte Getränke versorgt uns Rino mit weiteren Kokosnüssen. Er gibt uns auch bereits gekeimte Exemplare mit und erklärt, wie wir das im Keimling zu einer schaumigen Masse gewordene Kokosfleisch als Eiersatz für Pfannkuchen verwenden können, praktisch und sehr lecker. Schliesslich erfahren wir, dass man aus einem kleinen Teil der Pflanze, dem ehemaligen Keimling, sogar ein schmackhaftes Gemüse gewinnen kann.
René, Rino und Chocolat | beim Palmenpflanzen
Im Verlauf der Woche lernen wir auch Rinos Nachbarn kennen, können mit Werkzeug und Verbandsmaterial aushelfen und werden mit noch mehr Kokosnüssen beschenkt. Es gefällt uns wunderbar an diesem friedvollen, herzlichen Ort. Doch schliesslich dreht der Wind, Zeit für uns zu Dorf und Pass zurückzukehren. Zum Abschied pflanzen wir mit Rino zwei junge Kokospflanzen an. Das Palmenpflanzen ist ein lokaler Brauch, wenn man sich von entfernt lebenden Freunden oder Gästen verabschiedet.
Zu Spät
Weil wir uns verquatschen, ist es bereits halb zwei Uhr nachmittags, als wir den Anker lichten. Zu spät für eine Atoll-Slalomfahrt westwärts? Wir rollen die Genua aus und lassen uns gemächlich vor dem Wind treiben. Der Motor läuft im Leerlauf mit, für den Fall, dass wir ein rasches Ausweichmanöver fahren müssen. Die erste Stunde lang geht alles gut. Wir beobachten die Wasseroberfläche und studieren die Satellitenkarten. Wenn eine Untiefe naht, weichen wir frühzeitig aus. Der Wind lässt mit der Zeit nach, wir werden langsamer, die Sonne rückt tiefer. Wir beschliessen das Segel einzurollen und die restliche Strecke unter Motor zurückzulegen, damit wir bald ankommen. Ich will nur noch rasch eine gebrochene Naht im Segel mit etwas Klebeband sichern. Also gehe ich mit Segeltape und Schere in den Bugkorb. René steht am Ruder und hält Ausschau. Wir setzten unser Gespräch fort, plaudern über das Erlebte und schmieden Pläne für den Abend. Als das Tape angebracht ist, schaue ich auf. Mein Blick fällt aufs Wasser und ich sehe unmittelbar vor unserem Bug eine Korallenbank.
Siehst du die Untiefe? Beispiel einer Untiefe bei relativ gutem Licht, einmal vorm Bug, einmal von der Seite gesehen
«Oh nein! Nein!» Die Korallen schimmern goldgelb, liegen keinen halben Meter tief. Ich sehe sie so klar, weil sie sich inzwischen direkt unter mir befinden. «Rückwärts!» Als René den Gang einlegt, renne ich bereits nach hinten.
«Knirsch, Knarz, Krach». Es ist zu spät. Wir laufen aufs Riff auf. ALOY schiebt sich langsam bis fast zum Kielansatz auf die Untiefe. Als ich im Cockpit ankomme, rolle ich sofort die Genua weg, damit sie uns nicht noch weiter vorwärts zieht. René gibt Gas, versucht ALOY mit Hilfe des Motors rückwärts vom Riff zu ziehen. Einen quälend langen Moment stecken wir einfach fest. Unsere Gedanken suchen bereits nach Alternativen, wie wir freikommen könnten. Mir dämmert, dass wir hier nicht wie in Ufernähe einen Anker setzen und uns damit sichern oder frei ziehen können. Das Meer direkt neben dem Riff ist viel zu tief. Dann endlich schafft es die Maschine ALOY von den Korallen zu lösen. Langsam nehmen wir Fahrt auf, bis die Yacht wieder frei ist.
Die Folgen
Der Schrecken sitzt uns gründlich in den Knochen. Natürlich kontrollieren wir sogleich, ob Wasser ins Boot dringt. Als wir Gewissheit haben, dass ALOY weiterschwimmt, tuckern wir unter grösster Vorsicht zum Dorf. Wir stellen fest, dass die Untiefe auf dem Satellitenfoto zu sehen war, allerdings äusserst schwach. Für die restlichen Meilen bis zum Dorf starren wir uns fast die Augen aus dem Kopf im Versuch weitere Gefahren auf Karte und im Gegenlicht zu erkennen. Endlich erreichen wir den Ankerplatz, legen an und machen uns an die Schadensinspektion.
ALOYs backbordseitige Bodenplatte ist ordentlich zerkratzt. Einige der Kratzer reichen durch den Epoxidanstrich hindurch bis ins Aluminium hinein. An einer Stelle hat das Boot eine dicke Beule, die auch von der Innenseite leicht auszumachen ist. Glücklicherweise gibt es keinen Riss und kein Leck. Wir vermuten, dass wir diesen Umstand unserem stabilen Aluminiumrumpf zu verdanken haben.
ALOY's Rumpf ist ordentlich zerkratzt
Tahanea
Makemo ist ein grosses Atoll mit zwei Siedlungen und rund achthundert Einwohner:innen. Es wird drei bis vier Mal im Monat von einem Versorgungsschiff angelaufen. Deshalb können wir hier erstmals seit einem Monat wieder frisches Gemüse und Obst kaufen. Das Dorf ist ausgesprochen malerisch, mit gepflegten Häusern, blumigen Gärten, einem Leuchtturm, mehreren Kirchen und einem grossen Schulhaus, wo auch die Kinder von den Nachbaratollen unterrichtet werden.
Eindrücke von Makemo
Ein nächster langsamer Nachttörn bringt uns nach Tahanea, einem unbewohnten Atoll. Die Vegetation der Motus ist hier üppiger. Sträucher und Schlingpflanzen bewuchern den Inselboden, so dass man nur am Ufer spazieren kann. Drei Feenseeschwalben verfolgen mich neugierig schnatternd auf meinem Erkundungsgang. Wir verbringen viel Zeit mit Schnorcheln, da die Korallengärten an der Innenseite der beiden Pässe besonders schön und gesund wirken. Uns begegnen Falterfische, Halfterfische, Picasso-Drückerfische, Blaustreifen-Doktorfische, Preussen- und Soldatenfische. Die Strömung ist allerdings stark und mahnt zur Vorsicht.
ALOY auf Tahanea | Tahaneas wilde Vegetation
Fähnchen-Falterfische | Blaustreifen-Doktorfisch | Preussenfische | Fingerkoralle | Soldatenfisch
Strömungstauchen
Einmal möchten wir das Aussenriff erkunden und packen das Tauchzeug ins Dinghy. Bei der vermuteten Niedrigwasser-Slackzeit fahren wir hinaus, nur um festzustellen, dass der Flutstrom bereits eingesetzt hat. Wir müssen damit rechnen, dass wir vom verankerten Dinghy fortgetrieben werden und dieses aus eigener Kraft nicht wieder erreichen. Da sich im Pass trotz Strömung keine Wellen gebildet haben, entscheiden wir uns für einen Drift Dive. Wir fahren ausreichend weit hinaus, springen mit Tauchausrüstung ins Wasser und tauchen sofort ab. Dann halten wir uns beide an einer fünfundzwanzig Meter langen Trosse fest, die am Ende ans Dinghy geknotet ist. Das Beiboot wird von der Strömung rasch in die Passmitte und dann weiter ins Atoll gesogen, wir hinterher. Ohne einen Flossenschlag driften wir über den Meeresgrund. Dicke Grouper- und Papagaienfische starren uns, dieses schwerfällige, blubbernde Treibgut, aus neugierigen grossen Augen an, Seesterne dekorieren den Meeresgrund. Einmal im Atoll lässt die Strömung nach und wir können gemütlich auftauchen und wieder ins Beiboot klettern.
Korallenfische verteidigen ihr Häuschen | ein Grouper starrt uns an | Papagaienfisch
Alsbald drängt der nächste Winddreher zur Weiterfahrt. Schade, aber wir haben ohnehin einen Termin in einem anderen Atoll, also auf nach Fakarava!






























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Claudio (Montag, 07 Juli 2025 19:22)
Hallo Ihr zwei
Vielen Dank für den tollen Bericht und die schönen Fotos man kann euch nur dazu gratulieren.
Bei dem Riff hattet Ihr aber Glück im Unglück den wer weiss was ein GFK Boot für Schäden davon getragen hätte. Alu sei Dank.
Diego (Dienstag, 08 Juli 2025 22:10)
Zum Glück ist alles gut gegangen! Äusserst spannender Bericht und u schöne fotos!