· 

Wetterwirren

Grand Cayman ist ein wichtiger Versorgungsstopp für uns. Nach fünf Wochen in Kuba, wo die meisten Güter knapp sind, können wir hier in bestens sortierten Supermärkten Lebensmittel einkaufen, klaren Diesel tanken und rund 350 Liter echtes Trinkwasser direkt ab Wasserhahn in unsere Kanister und Tanks füllen. Der Kontrast zur Nachbarinsel könnte nicht grösser sein. Wo in Kuba halbleere Läden die Strasse säumen, reihen sich in Caymans Hauptstadt George Town die Juweliergeschäfte aneinander. Am verzweigen Kanalsystem liegen Villen mit ihren Privatstegen und Bootsgaragen, die Gärten mit englischem Rollrasen ausgelegt.

Wir werden erneut freundlich empfangen. Das Einklarieren kostet zwei Dollar pro Nase und eine Muringboje stellt man uns gratis zur Verfügung. Ein Urlaub ohne eigenes Boot auf Cayman wäre allerdings teuer. Eine Woche Hotel mit Flug kostet sechs- bis achttausend Franken. Dafür reisen wir drei Monate.

Garage mit elektrischer Hebeplattform für zwei Kayaks.

Unser Aufenthalt bleibt kurz. Immer öfter ist Flaute angesagt und wir haben noch einige Seemeilen vor uns, daher ergreifen wir das nächste Wetterfenster, das zwei Tage am Stück drei Windstärken prognostiziert. Dabei legen wir bereits einen Tag früher ab, denn wir wollen den guten Oster nutzen, um Fahrt nach Süden zu machen. Bevor wir steuerbord abbiegen können, müssen wir aber hundert Meilen gegen Osten. Leider kann unsere ALOY nicht gut gegen den Wind. Unter besten Bedingungen schafft sie es bis 55° an den Wind, ist dabei aber auffallend langsam. Hundert Meilen im Zickzack 'gegen an' wären hart. Darum planen wir, wir sind ja schlau, bei Flaute gegen Osten zu motoren.

Zwei Stunden nach Aufbruch schaltet der Motor aus. Einfach so. René begibt sich auf die Fehlersuche und nach einer Stunde hat er die kaputte Sicherung ersetzt. Jetzt ist er seekrank vom Arbeiten unter Deck. Die Wellen sind aber auch garstig, überhaupt ist nichts mit Flaute. Wir kriegen zunehmend stärkeren Wind auf die Nase und ich werde auch seekrank, so richtig übel. Wir liegen flach, ALOY blocht unter Maschine gegen an.

Als wir am nächsten Tag endlich auf Windkraft setzen, fühle ich mich besser. René bleibt bis Providencia angeschlagen. Er kämpft mit der Moral, hat die Nase voll von Übelkeit und langen Strecken. Ich tue mein Bestes, um ihn bei Laune zu halten.

Providencia

Nach vier Nächten taucht endlich Providencia am Horizont auf. Die selten besuchte Insel gehört zusammen mit St. Andrés zu Kolumbien, obwohl die Inseln abgelegen vor der Küste Nicaraguas liegen. Wir steuern die einzige Ankerbucht an, direkt vor dem zwei-Quartierstrassen-kleinen Hauptort. Auf einem Hügel über der Bucht wacht eine Madonna. Die Berge sind braun. Man wartet auf den Regen, der um diese Jahreszeit kommen sollte. Die Wälder sollen dann herrlich grün werden. Allerdings wurden vom Hurricane Lota 2020 viele der grossen Bäume ausgerissen.

Wir verzichten aufs Wandern, es ist einfach zu heiss, und schliessen uns dafür einigen Tauchgängen durch die fantastischen Riffschluchten an. Die Reefsharks sind hier zutraulich, um nicht zu schreiben aufdringlich, weil die Locals sie mit den invasiven Rotfeuerfischen füttern. Man mahnt uns, beim Tauchen die Hände nicht auszustrecken.

Wir würden es auf der einfachen, gemütlichen Insel noch eine Weile aushalten, gleichzeitig zieht es uns nach Monaten des Reisens an einen Ort, an dem wir für einige Wochen sturmsicher liegen können und an Material für anstehende Arbeiten kommen. Wieder einmal sind zwei Tage mit drei Windstärken angesagt, also unser Moment für den Aufbruch.

Rechts: Wie vieler Orts in der Karibik laufen hier Strassenhunde herum. Zwei begleiten uns zum Dinghy-Steg.

Als morgens um sechs der Wecker klingelt, regnet es. Heftig. Wind fegt über die Insel und drückt die Palmwedel nach Lee. Gut für Provicencias Wald, weniger für uns. Ich prüfe noch einmal den Wetterbericht. Ja, Schauer soll es geben, die Windvorhersage ist aber weiterhin gut. Also warten wir ab, bis der Regen etwas nachlässt und lichten dann den Anker. Bis zum Mittag wird das Wetter besser, doch dann wendet sich das Blatt.

Immer stärker düst es uns um die Wanten, ALOY neigt sich auf die Seite, wir reffen, sie neigt sich weiter. Der Himmel, anfangs noch wolkenverhangen, verfärbt sich einheitlich Dunkelgrau. Es schüttet, es windet und wir können zusehen, wie die Wellen länger und höher werden. Ein Seevogel versucht verzweifel auf ALOY zu landen, eine Pause zu machen, aber das Boot bewegt sich so stark hin und her, dass er den Anflug nicht schafft. Gerne hätten wir ihm geholfen, wussten aber nicht wie, ohne ihn zusätzlich zu gefährden. Irgendwann schafft er es doch noch. Windzerzaust klammert er sich an eine Leine auf dem Kabinendach, dann muss er wieder losfliegen, weil eine Welle übers Deck wäscht. 

Rechts: Seevögel begleiten uns häufig. Leider haben wir von unserem Gast kein Foto, das ist ein anderer.

Gischt weht von den Kämmen, die immer häufiger brechen. Wir müssen den Kurs anpassen, damit sie uns nicht von der Seite treffen. Irgendwann habe ich einmal gelesen, dass ein Brecher, dessen Höhe ein Drittel der Bootslänge erreicht, ein Segelboot zum Kentern bringen kann. Auch wenn sich ALOY wacker hält, ich möchte nichts riskieren, denn die vier Meter Welle haben wir erreicht. Im späten Nachmittag übernehme ich das Ruder, weil ALOY wiederholt aus dem Hydrovane-Ruder läuft, und steuere von Hand. Wir segeln in einem Sturm.

Fotos (auch unten) von vor dem Sturm. Es rollen bereits hohe Wellen an. Später habe ich nicht mehr fotografiert.

Um acht Uhr abends nehmen wir die Windsteueranlage unter strenger Aufsicht wieder in Betrieb. Um die Seen aus einem besseren Winkel unter uns durchrollen zu lassen, passen wir den Kurs auf Südwest an, Richtung Nicaragua. Hoffentlich dauert der Sturm nicht zu lange. Regelmässig löst sich das Ruder aus der Verankerung, ALOY kommt vom Kurs ab und die kleingereffte Genua schlägt, dass das ganze Boot erzittert. Kalter Regen prasselt vom Himmel, warmes Salzwasser spült übers Deck. René hart bis nach Mitternacht im nassen Cockpit aus. Gegen ein Uhr klingt der Sturm endlich ab.

Am nächsten Morgen frischt es erneut auf und wir befürchten schon, eine zweite Sturmnacht durchstehen zu müssen, aber der Wind bleibt moderat. Dafür setzt das Wetterleuchten ein. In vier Himmelsrichtung können wir ferne Blitze beobachten, die das Schwarz erhellen. Was machen wir, wenn eins der Gewitter näherkommt? Blitzeinschlag ist der Schrecken aller Seglerinnen. Als auch Donner hörbar wird, deponiere ich das HandGPS im Backofen, damit es im Ernstfall nicht mit all der anderen Elektronik kaputt geht. Als der Wind abrupt dreht, schalten wir vorsichtshalber den Motor ein, solange es noch Strom gibt. Erneut geht heftiger Regen nieder, das Gewitter bleibt uns zum Glück erspart.

Links: Wetterleuchten in der Ferne; rechts: Bocas del Toro, Panama

Auch erspart bleibt uns eine Dritte unheimliche Nacht auf See. Gegen Abend des 30. Mai erreichen wir die Inseln vor Panama und navigieren im Regenschleier durch die Einfahrt. Kein Seezeichen bieten Orientierungshilfe, wir können nur hoffen, dass unsere Seekarte stimmt und ALOY auf keine Untiefe aufläuft. Was für eine Fahrt!

ComMents

Liebe Leserinnen und Leser.

Neu gibt es hier eine Kommentarfunktion, für den Fall dass ihr Feedback, Hinweise, Kenntnisse oder eigene Erfahrungen mit uns teilen möchtet.

Herzliche Grüsse aus der Ferne, René und Illy.

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Diego (Mittwoch, 05 Juni 2024 09:49)

    Unglaublich spannend zu lesen, bin froh dass ihr heil angekommen seid. Das Bild mit den Wellen ist genial und gibt einen super Eindruck für uns Landratten. Passt auf euch auf, ihr seid noch wahre Abenteurer.

  • #2

    Monika (Donnerstag, 06 Juni 2024 08:21)

    Wetterleuchten klingt so lieblich, hätte nicht erwartet, dass die so bedrohlich aussehen!! Zum Glück ist alles heil geblieben! Freu mich schon auf euren nächsten Post!

  • #3

    Petra (Sonntag, 09 Juni 2024 13:02)

    Gott sei Dank seid ihr gut angekommen