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Verweilen und Weiterziehen

Es ist so einfach, sich auf den Kleinen Antillen zu verweilen. Man kommt für ein paar Tage auf eine Insel und - schwapp - drei Wochen sind um. Was haben wir in der Zeit bloss gemacht? Wir waren halt da, haben das Gesicht in die Sonne und die Füsse in den Sand gestreckt, in irgendeiner Bucht irgendetwas repariert, fotografiert, geschrieben. Ab und zu ein Bad zum Abkühlen oder ein kaltes Bier mit Segelfreunden. Doch es ist Zeit. Wir müssen uns losreissen, weiter ziehen. Als der Motor auch den zweiten Belastungstest besteht, gehen uns die Ausreden aus, um weiter auf Antigua zu bleiben und so setzen wir eines Abends Segel mit Kurs West.

Machs gut türkisgrünes Antigua, Nevis und St. Kitts voraus. Wir müssen vorankommen.

Im Morgengrauen erhebt sich Nevis Peak vor uns. Mit überraschend viel Wasser unter dem Kiel passieren wir die Meerenge zwischen St. Kitts und Nevis, biegen scharf nach Norden ab und werfen Anker vor der Hauptstadt Basseterre. Das Ein- und Ausklarieren ist diesmal mühsam und das nicht nur, weil unsere ALOY derweil im Schwell vor einem Steinwall an ihrer Kette reisst. Es gilt Formulare wie für die Grossschiffahrt auszufüllen, ausserdem ist natürlich mal wieder ein Büro ausserordentlich geschlossen. Lektion in Gelassenheit.

Wir spazieren durch einen hübschen Park und gepflegte Stadtquartiere zur kubanischen Botschaft, wo wir unsere Visa erhalten. Auf einem weiteren Spaziergang sehen wir etwas von der herrlich grünen Landschaft im Süden der Insel. St. Kitts wäre auch ein Ort zum Verweilen, aber diesmal drängt  das Wetter zum Aufbruch und wir segeln schon nach zwei Tagen weiter. Vor uns liegen erstmals seit drei Monaten wieder 24 Stunden segeln am Stück. Können wir es noch? Es ist sicher eine gute Übung, denn die Distanzen nehmen bis Kuba zwangsläufig zu.

Obwohl wir uns beeilt haben, um den Südoster vor dem Flautenwochenende noch zu erwischen, ist der Wind  mau. Aus den 24 Stunden werden 28 und wir motoren die letzten Meilen. René am Steuer, denn jetzt wo die Maschine wieder läuft hat der Autopilot den Geist aufgegeben. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Virgin Gorda.

Welches Postkartenmotiv darfs denn sein?

Die British Virgin Islands, kurz BVI, sind ein Charter-Mekka. Sechzehn bewohnte und viele unbewohnte Inseln bieten Ankerbuchten, dazwischen kurze Segeldistanzen bei gutem Wind. Heller Sand, flaches Wasser, Beachbars mit überteuerten Cocktails. Plötzlich müssen wir uns beim Segeln wieder über Vortrittsregeln Gedanken machen, denn hier kreuzt man ständig andere Boote. Die Wellen zwischen den Inseln stammen nicht vom Ozean, sondern von den Motoryachten und Kursschiffen. Umso erstaunlicher, dass man den herrlichen Sandstrand auf der "Prickelnden-Birnen-Insel" dann doch ganz für sich hat. 

Besonders gut gefällt uns der Nationalpark "The Bath", eine Anhäufung grosser, rundgeschliffener Granitbrocken im Südwesten von Virgin Gorda. Ein Pfad führt zwischen die Gesteinskaliber, wo es natürliche Meerwasserpools gibt. Auch diesen Ort haben wir gegen Abend fast für uns. René packt die Begeisterung und er sucht den Granit nach guten Klettergriffen ab. Ich bade derweil noch ein bisschen.