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Bewährungsprobe zu zweit

Knapp 700 Seemeilen liegen vor uns. Die Überfahrt von Lissabon nach Lanzarote.

Endlich zeichnet sich ein geeignetes Wetterfenster ab. Die zu erwartenden Winde sind zwar schwach, aber immerhin sollten sie uns nach Süden schieben. Ausserdem nehmen wir im Zweifel lieber Schwachwind als Sturm in Kauf. Madeira haben wir aus zeitgründen schweren Herzens vom Törnplan gestrichen und so liegen nun knapp 700 Seemeilen nach Lanzarote vor uns. Die Reise dürfte etwa eine Woche dauern und wir werden sie diesmal nur zu zweit antreten.

In den Tagesetappen von Vigo nach Lissabon haben wir verschiedene Mittel gegen Seekrankheit getestet. Buscapina verhinderte erfolgreich, dass René sich übergeben musste. Auf See war ihm nur noch halb so übel, dafür ging es ihm auch an Land dreckig. Biodramina, das mit dem Wirkstoff Dimenhydrinat ein Klassiker unter den Seekrankheits-Medikamenten ist, funktionierte dafür gut. Nur das Koffeein, das zur Kompensation der einschläfernden Wirkung beigesetzt war, hielt ihn nachts wach. Wir kauften also ein neues Medikament mit demselben Wirkstoff aber ohne Koffein. Ich selbst erhöhte die Dosis an Stugeron von einer halben auf eine ganze Tablette pro Einnahme und ergänzte mit Vitamin-C-Kapseln und Ingwertee. So gewappnet brechen wir am Vormittag des 23. Oktober auf.

Bei achterlichen Winden setzen wir anstelle von Gross- und Vorsegel zwei Vorsegel, wie es die traditionelle Passatbesegelung ist. Leider haben wir nur einen Spinnackerbaum, so dass die eine Genua gern einfällt.

Nach wenigen Stunden liege ich unter Deck. Alles dreht sich wie auf einem Karusell. Den Versuch, die Leichtwindgenua zu setzen, haben wir abgebrochen. Wie kann ich schon wieder seekrank sein? René hält sich diesmal wacker. Den ganzen Nachmittag hält er Wache während ich meinen Schwindelanfall ausschlafe. Gegen Abend geht es besser und ich kann übernehmen. Nach einigen Motorstunden in der Nacht können wir am Dienstagmorgen Segel setzen und auch gleich reffen. Bei gut 5 Beaufort (Windstärken) segeln wir hart am Wind gegen Süden. Es läuft. Mir geht es schon viel besser und René musste sich nur ein einziges Mal übergeben. Tatsächlich schlägt die Therapie diesmal an und wir gewöhnen uns an die Schiffsbewegungen.

Dass es uns besser geht, verdanken wir möglicherweise auch der relativ ruhigen See. Abgesehen von diesem zweiten Reisetag dümpeln wir mehrheitlich bei schwachen Winden dahin. Mehrmals schalten wir den Motor ein, weil uns das Schlagen der Segel schmerzt. Wie lange halten die das aus ohne kaputt zu gehen? Tagsüber scheint oft die Sonne, das Meer ist tiefblau. In den Nächten strahlt der fast volle Mond wie ein Scheinwerfer auf uns herab.

Zur Unterhaltung hören wir Podcasts und ab dem dritten Tag habe ich mich soweit eingeschaukelt, dass ich sogar lesen kann. Yuhuu! Die eine oder andere Flaute nutzen wir aus, um das Cockpit in ein Badehaus zu verwandeln, ziehen uns aus, schütten uns Eimer voll Meerwasser über den Kopf und geniessen die Erfrischung. Zwei Mal besuchen uns Delfine und einmal ziehen zwei Buckelwale vorbei. Ihre Finnen und der regelmässige Blas sind deutlich zu sehen. Eines Nachts muss ich einen Tanker anfunken, der auf Kollissionskurs fährt. Für ein Ausweichmanöver unter Segeln wird es zu eng. Die Besatzung reagiert freundlich und nach ein paar Missverständnissen weichen sie schliesslich aus und fahren etwa 150 Meter hinter unserem Heck durch.

Die Herausforderung auf dieser Reise heisst Müdigkeit. Nach vier Tagen wird uns das so richtig bewusst. In den vier Stunden Pause, die wir jeweils zwischen zwei Wachen haben, können wir beide oft nicht richtig schlafen, wälzen uns im Bett, hören wie bei Wind eine Welle übers Deck spritzt oder bei Flaute die Segel schlagen. Am schlimmsten ist das Dröhnen des Motors sowie das Licht und die Hitze der Sonne. So bleiben von vier Stunden Pause oft nur wenige kurze Nickerchen zur Erholung und irgendwann sind wir total kaputt. Auch das Essen fällt uns schwer, weil wir keinen Appetit haben. Am sechsten Tag gebe ich es ganz auf, unter Tags schlafen zu wollen und fühle mich damit etwas besser. Es bleiben vier Stunden Schlaf in der Nacht. Wie ist das wohl auf einer Reise die 2-3 Wochen dauert? Einer Atlantiküberquerung zum Beispiel?

Arrecife beim Ansteuern nachts. Die Lagune in der Hauptstadt von Lanzarote an einem warmen, bewölkten Tag.

Am Abend des sechsten Tages erscheint die Silhouette eines Vulkans am Horizont. Der Wind schläft wieder einmal ein. Wir füllen Diesel aus den Ersatzkanistern in den Tank und starten mal wieder den Motor. Am nächsten Morgen um 05:00 Uhr legen wir in der Marina Lanzarote in Arrecife an. Wir waren schon einmal auf den Kanaren, aber es ist ein ganz anderes Gefühl, auf eigenem Kiel hierhergesegelt zu sein. Ein wirkliches Erreichen!